Gewalt gegen Queers im öffentlichen Raum

Personen, die es bereits erlebt haben, wissen, wovon die Sprache ist:
Wer im öffentlichen Raum, also irgendwo vor verschlossenen Türen, als queeres Paar gelesen wird, erlebt mit größter Wahrscheinlichkeit Reaktionen darauf, die Paare, die heterosexuell gelesen werden, in der Regel nicht erleben. Dies wundert nicht, denn eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt auf: 27,5% finden es unangenehm, wenn sich ein als lesbisch gelesenes Paar auf der Straße küsst. Bei Paaren, die hetero gelesen werden, sind es nur 10,5% (vgl. Küpper et al, 2017).

Woran liegt das? Es liegt daran, dass gleichgeschlechtlich gelesene Paare Diskriminierung aufgrund der Heteronormativität erleben.

Heteronormativität ist die Annahme, dass es in der Gesellschaft nur zwei Geschlechter gibt, die sich romantisch und sexuell auf einander Geschlecht beziehen. Personen die aufgrund ihrer Geschlechtlichkeit, ihres Begehrens oder ihres Äußeren (also ihrer Lesbarkeit) von dieser Norm abweichen, erleben häufig Diskriminierung und Gewalt (vgl. Hauer, Springer 2008, S. 131-133).

Diskriminierung liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund eines ihnen zugeschriebenen Merkmals Benachteiligung erleben. Dabei richtet sich die Diskriminierung nicht gegen das Individuum, sondern gegen das Merkmal. Diskriminierung trifft jedoch häufig Einzelpersonen und führt oftmals zu erhöhter psychischer Belastung, häufigerer Erkrankung oder Minderung des Selbstwertgefühls und Selbstbewusstseins. Oft werden Menschen nicht nur aufgrund eines Merkmals diskriminiert, sondern erleben Mehrfachdiskriminierung(en). Denn Diskriminierungen sind ineinander verschränkt – so kann eine lesbische Person gleichzeitig auch rassistisch diskriminiert werden (vgl. https://gewaltfreileben.org/unsere-themen/diskriminierung/).

Wenn sich also Paare in der Öffentlichkeit zeigen, die nicht heterosexuell gelesen werden, laufen sie immer Gefahr, dafür angefeindet zu werden, da sie auf eine heteronormative Gesellschaft stoßen, und mit ihrer bloßen Anwesenheit die Fassade dieser Gesellschaft zum Bröckeln bringen. Das Resultat ist oftmals Gewalt. Diese kann sich sehr unterschiedlich äußern und von abwertenden Blicken, Stirnrunzeln oder dem Wechseln der Straßenseite über verbale Gewalt („Scheiß Lesben“) hin zu körperlicher Gewalt (von Anrempeln bis blutig schlagen oder Mordversuchen) reichen (vgl. Hauer, Springer 2008, S. 134-137).

Dabei muss die Annahme, dass Personen lesbisch sind, nur bei den Gewalttäter*innen vorliegen und nicht unbedingt zutreffen. Und auch hier zeigt sich Gewalt in unterschiedlichen Formen. Während Butches oftmals von heterosexuellen Männern als „bedrohliche Konkurrenz“ wahrgenommen werden, werden beispielsweise Femmes als Bedrohung für vermeintlich feststehende sexuelle Orientierungen wahrgenommen und werden oft auch von heterosexuellen Frauen angefeindet. Personen, die als queer gelesen werden, sind oftmals Zielscheibe für Gewalt, auch wenn sie alleine unterwegs sind, Personen, die queer sind, aber nicht so gelesen werden, erleben Gewalt hingegen seltener allein, sondern hauptsächlich, wenn sie in Konstellationen auftreten, die die Heteronormativität brechen (vgl. Hauer, Springer 2008, S. 140-142).

Gewalt, die aufgrund von Vorurteilen verübt wird, wird in Deutschland inzwischen gesondert erfasst. Diese Form von Gewalt, auch „Hate Crime“ genannt, ist kein gesondertes Delikt im Strafrecht, sondern kann unterschiedliche Delikte umfassen. Dabei richten sich solche Übergriffe immer gegen eine ganze Gruppe, die ein Merkmal aufweist. Ein Übergriff auf ein lesbisch gelesenes Paar hat also Auswirkungen auf die ganze Community (vgl. https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/206018/rechtsextremismus-und-hate-crime-gesetze).
So ist es nicht verwunderlich, dass in Studien 46% der befragten Lesben angeben, in der Öffentlichkeit das Händchenhalten zu vermeiden (vgl. www.fra.europa.eu/en/publications-and-resources/data-and-maps/survey-data-explorer-lgbt-survey-2012).

Besonders bemerkenswert ist, dass aktuelle Studien das große Ausmaß der Dunkelziffer solcher Hate Crimes beweisen. So erfuhren 267 Befragte der Gruppe LSBTTIQ in Sachsen insgesamt 1672 strafrechtlich relevante Gewaltdelikte, es brachten aber nur 30 Personen 72 Übergriffe zur Anzeige – insgesamt wurden also nur 4,3% der Taten angezeigt. Erklärungsansätze hierfür sind unter anderem auch die mangelnde Sensibilität der Polizeibeamt*innen (vgl. Ohlendorf, Wunderlich 2019). In einigen Bundesländern gibt es inzwischen Ansprechpersonen für LSBTIQ* bei der Polizei, welche gesondert fortgebildet sind und für Sensibilität im Kollegium sorgen sollen (siehe VelsPol Niedersachsen).

Im Jahr 2017 wurden in Deutschland 304 Straftaten erfasst, die aufgrund von Homo-, Bi-, Trans*- und Inter*feindlichkeit verübt wurden. Die Annahme ist, dass die Dunkelziffer bei über 90% liegt. Die Kampagne #ZEIGSIEAN von der Aktion 100% Mensch soll diesem Missstand entgegenwirken. Denn nur Anzeigen fließen in Statistiken, welche die Problematik offenlegen. Und nur so ist es möglich, politischen Druck auszuüben, um Maßnahmen gegen Queerfeindlichkeit zu ergreifen (vgl. https://100mensch.de/kampagnen/zeig-sie-an/).

Auch in der LSBTIQ*-Community gibt es Aufklärungsbedarf: Oft werden Gewaltdelikte verharmlost, gar nicht mehr ernst genommen, oder aus Schutzmechanismen verdrängt. Um die Dunkelziffer zu verringern, braucht es niedrigschwellige Angebote Anzeigen zu erstatten, wie beispielsweise Online-Formulare, die Betroffene auch anonym ausfüllen können.

Festzuhalten bleibt, dass queere Personen im öffentlichen Raum nicht sicher sind. Je mehr sie mit ihrem Auftreten den Schein einer heterosexuellen Gesellschaft stören, desto bedrohter sind sie, deshalb Gewalt zu erleben. Nur ein entschiedenes Handeln von Zivilgesellschaft und Institutionen kann diesem Missstand entgegenwirken.


Quellen:

Hauer, Gudrun; Springer, Petra M. (2008): „Wenn Blicke töten könnten…“. Das Eindringen von Butch und Femme in den öffentlichen Raum. In: Street Harassment. Machtprozesse und Raumproduktion. Hg. v. Feministisches Kollektiv. Wien: Mandelbaum. S. 122-154

Küpper, Beate; Klocke, Ulrich; Hoffmann, Lena-Carlotta (2017): Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland. Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage. Hg. v. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Baden-Baden: Nomos.

Ohlendorf, Vera; Wunderlich, Martin (2019): Gewalterfahrungen von LSBTTIQ* in Sachsen. Hg. v. Landesarbeitsgemeinschaft Queeres Netzwerk Sachsen.

Gewaltfrei leben unter: https://gewaltfreileben.org/unsere-themen/diskriminierung/

www.fra.europa.eu/en/publications-and-resources/data-and-maps/survey-data-explorer-lgbt-survey-2012

https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/206018/rechtsextremismus-und-hate-crime-gesetze


Text: Toni Ludwig und Jessica Lach (MOSAIK Gesundheit)

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